Impressionen aus dem Sarek

  • Ein Rastplatz oberhalb des Rapadalen nahe beim Skierffe
  • Der Gletschersee Bierikjavvre
  • Tiefer Blick durch das Rapadalen
  • Das Rapadelta vom Gipfel des Skierffe gesehen
  • Der reißende Fluss Guhkesvakkjahka an der Grenze zwischen Sarek und Stora Sjöfallet
  • Blick in das westliche Rapadalen

Wir sind dann mal wieder weg

Verpisst euch!

Kennt ihr dieses Gefühl, wo ihr in jeder Pore spürt, nicht willkommen zu sein? Stora Sjöfallet beherrscht diese Kunst in Perfektion!

Für die Furt dieses unbedeutenden Baches habe ich mir die Crocks angezogenTag 6 bricht an. Es hat die Nacht in Strömen geregnet. Im Zelt steht die Feuchtigkeit. Wir nutzen eine trockene Phase, um das Überzelt, Schlafsack und Isomatte zu lüften. Das erste Frühstück fällt kurz aus. Die Stimmung ist gedrückt. Hinter uns liegt der Berg Njirávtjåhkkå mit seinem Gletscher in dichte Wolken gehüllt. Die letzte Chance auf eines dieser Ziele geht an das Wetter verloren. Besonders Karsten hatte große Pläne in dieser Hinsicht. Heute muss ich den Stimmungsmacher geben. Ich versuche das Tempo vorzugeben. Ziel ist der Pfad nach Suorva, dem Ausgang aus dem wilden Teil des Stora Sjöfallet.

Mittlerweile nutzen wir Geröllfelder zur Fortbewegung, um den Sümpfen auszuweichen, die über Nacht noch voller und tiefer geworden sind. Wir bewegen uns in einer Welt, in der wir eigentlich nicht sein sollten. Mehrere Furten liegen auf unserem Weg. Irgendwann entschließe ich mich, nicht in die Wanderschuhe zurück zu wechseln. Meine Ferse ist fast offen von den nassen Strümpfen. Ich laufe jetzt barfuß und in Crocs durch das Hochfjell über Heide und durch Weidengestrüpp. Das Verrückte daran ist, es tut so gut! Kein Scheuern mehr, stattdessen Tempo. Karsten ist entsetzt und verweist auf die Verletzungsgefahr. 6 Kilometer lang kann ich seine Bedenken widerlegen. Wir machen zum ersten Mal richtig Strecke.

Blick auf den riesigen Staudamm des AkkajaureZwei große Rentiere wollen unseren Weg kreuzen. Immer wieder weichen sie vor uns zurück. Es sind die größten, die wir bisher gesehen haben. Unser Navigationspunkt ist der Fluss Njábbejåhkå am Rande der Baumgrenze. Er soll unser letztes Hindernis vor der nächsten "Grünen Hölle" und dem Ausstieg aus der Wildnis sein. Wir erreichen eine Anhöhe, können die Baumgrenze sehen und vermuten an einer Bodenwelle Ausläufer des Flusses zu sehen. Hier machen wir noch mal Pause. Noch immer folgen uns Schwärme von Moskitos. Durch unsere Hüte atmen wir gesiebte Luft. Die Wolken reißen auf und der Blick auf den Dschungel und den dahinter liegenden Staudamm wird frei. Das Ziel ist zum ersten Mal nach 6 Tagen nicht mehr abstrakt. Es liegt zum greifen nahe! In Anbetracht der verpassten Chance mit Berg und Gletscher reift in mir der Wunsch, noch heute das Auto zu erreichen. Karsten bleibt noch skeptisch.

Wir brechen zum Fluss auf. Dass man ihn früher hört als ihn zu sehen, ist kein gutes Zeichen. Ein Hügel an seinem Ufer gibt den Blick auf das ganze Desaster frei. Das da unten bedeutet Prügel. Grundsten sprach in seinem Buch von schwerer Furt nach Regen. Für uns klingt das nach Schönreden. Getrennt voneinander präparieren wir uns für die Furt. Bisher fand ich alles eher interssant und nur teilweise unwirtlich, aber der Njábbejåhkå hat definitiv das Zeug zum Endboss unserer Reise. Der erste Fluss, der mir gehörig Respekt abverlangt.

Endlich finde ich eine geeignete Furt durch den NjábbejåhkåKarsten startet als erster den Versuch. Nach der Hälfte bricht er ab. Wassertiefe und die Kraft des Stroms machen eine Fortbewegung unmöglich, ohne in ernste Gefahr zu geraten. Ich versuche einen anderen Weg, nach 5 Minuten pfeift mich Karsten aus Angst vor Unterkühlung zurück. Das Thema ging an mir vorbei. Doch immerhin ist unser Gegner stolze 2-4° kalt. Wir geben klein bei und versuchen es flussabwärts. Die Zeit vergeht, ungezählte Fehlversuche folgen. Mittlerweile ist es eine ganz private Sache zwischen dem Njábbejåhkå und uns geworden. Flussaufwärts zu steigen, um ihm im jüngeren Verlauf leichter zu furten, fällt aus. Einer wird verlieren und das werden nicht wir sein. Der Respekt bleibt, aber jetzt hat uns trotzige Entschlossenheit ergriffen.

Irgendwann schaffe ich es doch an einer sehr breiten Stelle. Karsten folgt und wir blicken in den Dschungel. Der Lohn der letzten 2 Stunden ist die Überquerung und der Weg durch die gefürchtete "Grüne Hölle". Wir gehen etwas flussaufwärts und stoßen zum Glück auf den Pfad, der zum Staudamm führt. Seit dem ersten Furtversuch regnet es ununterbrochen. Die Moskitos stört das nicht. Einige haben beinahe die Länge eines Fingernagels. Jetzt steht der Entschluss fest. Wenn es nicht aufhört zu regnen, ziehen wir bis zum Auto durch. Und der Regen bleibt unerbittlich.

Es folgen weiter kleine Ströme, in denen wir bis zum Oberschenkel im Wasser stehen. Wir landen im Uferbereich des Stausees, Blockfelder und irgendwann kniehohes Gestrüpp in knöcheltiefem Wasser. Stora Sjöfallet schmettert uns sein "Verpisst euch!" entgegen. Das haben wir so wie so vor.

Der Weg führt durch die sumpfigen Ufer zum Damm des AkkajaureWir erreichen erste Rentiergatter und blicken auf den gigantischen Damm. Eigentlich will ich sofort mit heulen anfangen, weil meine Emotionen mit mir durchgehen. So viel eingesetzt, so viel gewagt, so viel gewonnen und auch viel verloren. Doch wir sind immer noch im Challenge-Modus und marschieren immer weiter. Das gesamte Gelände zu durchqueren, kostet uns eine Stunde. Wahnsinn! Ein Staudamm der Superlative.

Karsten hat im Gegensatz zu mir keine Wanderhose unter seiner Regenhose anbehalten. Beißender Wind und fehlende Unterstellmöglichkeiten verhindern, dass er sich wärmere Kleidung anziehen kann. Der restliche Weg wird zur Tortur. Noch 9 Kilometer bis zu unserem Auto. Auf unserem Weg treffen wir 3 Autos. Daumen raus ist sinnlos. Jeder scheint zu ahnen, wie wir riechen. Wir halten unsere Laune mit Unterhaltungen aufrecht. Jeder merkt, dass das aufgesetzt ist und doch hilft es uns, die momentanen Qualen zu vergessen. Karsten friert sich den Arsch ab, mir versagen die Knie den Dienst.

Nach 30 Kilometern Tagesmarsch, unzähligen Furten, knapp 100 Kilometern in 6 Tagen erreichen zwei kleine, zitternde und jammernde Gestalten einen Suzuki Swift in Vietas, nicht in der Lage die eigene Leistung zu feiern. Die Wärme des Wagens, der weiche Sitz und etwas Essen sind ein gefühlter 5-Sterne-Komfort in dieser Nacht. Draußen tobt mit eisigem Wind der Stora Sjöfallet: Verpisst euch!

Wir sind dann mal wieder weg...

Fazit

Der letzte Tag setzte den Härten der Tour die Krone auf. Nach langerem Kampf mit dem Njábbejåhkå gelang uns die Passage und der folgende Ausstieg. Im Vorfeld war das für mich unvorstellbar, doch die Quälerei und die vielen unvergessenen Momente spielten bei der Ankunft am Auto keine Rolle mehr. Alles war blass durch den Nebel der Schmerzen und Erschöpfung nach dem Gewaltmarsch des letzten Tages. Mit der Zeit wichen die Lehren dieses Marsches und die schönen Dinge der Tour haben sich auf lange Zeit in Herz und Seele eingebrannt. Sorge dich also nicht, wenn sich beim Ausstieg nicht direkt Freude ausbreitet. Gib ihr Zeit!

Das Video zur Sarek Tour

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